Die Entwicklung des Bremssystems

Der Bremsenmarkt vollzieht den Wandel von „alten Bremsen“ zu „neuen Bremsen“ nicht über Nacht. Drei sich überschneidende Technologiegenerationen bestimmen diesen Transformationsprozess und beeinflussen die IAM-Landschaft auf jeweils eigene Weise.

1. Heute: Die konventionelle hydraulische Bremsanlage bleibt die Grundlage des heutigen IAM-Volumens

Die meisten Fahrzeuge im aktuellen Fahrzeugbestand verfügen über eine herkömmliche, vakuumbasierte hydraulische Bremsanlage, die in der Regel durch einen Unterdruckbremskraftverstärker oder eine Unterdruckpumpe unterstützt wird. Bei dieser Bauweise wird die vom Fahrer ausgeübte Pedalkraft mechanisch bzw. hydraulisch verstärkt. Das IAM-Sortiment ist breit gefächert: Bremsbeläge, Bremsscheiben, Bremstrommeln, Bremsbacken, Bremssättel, Bremsschläuche, Radbremszylinder, Hauptbremszylinder, Bremskraftverstärker, Unterdruckpumpen, ABS-/ESC-Komponenten, Flüssigkeiten, Sensoren und Zubehöre.

 

Dieser Marktbereich wird noch über viele Jahre eine wichtige Rolle spielen, da sich der Aftermarket in erster Linie am Fahrzeugbestand orientiert und nicht an den Neufahrzeugen. Auch wenn Neufahrzeuge immer schneller auf „Brake-by-Wire“-Systeme umgestellt werden, besteht für Millionen älterer Fahrzeuge mit hydraulischer Bremsanlage weiterhin Bedarf an den üblichen Verschleiß- und Ersatzteilen. Marktberichte prognostizieren für herkömmliche hydraulische Bremssysteme weiterhin ein Wachstum, wenn auch nicht in dem für „Brake-by-Wire“-Systeme erwarteten Tempo.

 

Auswirkungen auf den IAM: Das heutige Bremsensortiment bleibt die zentrale Umsatzbasis, wird sich jedoch zunehmend nach Fahrzeugsegment, Antriebsart sowie dem Grad der Software- und Sensorintegration differenzieren.

2. Gegenwart und nahe Zukunft: Mit der Einführung des elektrohydraulischen Bremssystems (EHB) ist ein Systemwechsel von „hydraulisch verstärkt“ auf „elektronisch gesteuert“ verbunden.

Elektrohydraulische Bremsen bilden die Übergangsphase. Bei ihnen ist das Bremspedal bereits „by-wire“ mit der Bremsanlage verbunden. Auch bei diesem System wird der Bremsdruck weiterhin hydraulisch an den Radbremsen übertragen. Die Druckerzeugung erfolgt jedoch nicht mehr ausschließlich über die konventionelle Kette aus Bremspedal, Bremskraftverstärker und Hauptbremszylinder. Stattdessen werden die Bremsanforderungen des Fahrers von einem elektronischen Aktuator, einem Steuergerät und Sensoren interpretiert und ein Hydraulikdruck erzeugt bzw. erhöht.

Allein diese Tatsache ist von großer Bedeutung, da bei Elektrofahrzeugen ein präzises Zusammenspiel zwischen regenerativer Bremsung und Reibungsbremse erforderlich ist. Die Rekuperation reduziert in vielen Fahrsituationen den Einsatz der Reibungsbremse, obwohl diese für Notbremsungen, das Bremsen bei niedrigen Geschwindigkeiten, die Fahrstabilitätsregelung, Rangier- und Rückfahrmanövern sowie in Fällen, in denen die Batterie keine weitere Energie aufnehmen kann, erforderlich bleibt. Beim regenerativen Bremsen wird die beim Verzögern des Fahrzeugs gewonnene Energie in die Batterie zurückgespeist, anstatt wie bei einer herkömmlichen Reibungsbremse als Wärme an die Umgebung abgegeben zu werden.

 

Bevorstehende Änderungen im IAM:

Zwar werden herkömmliche Verschleißteile auch weiterhin benötigt, doch das Nachfrageprofil verschiebt sich zunehmend. Bei vielen Elektro- und Hybridfahrzeugen verschleißen Bremsbeläge und Bremsscheiben möglicherweise langsamer, da ein Teil der Bremsleistung durch regenerative Bremsung erbracht wird. Gleichzeitig gewinnen Themen wie Korrosion, Geräuschentwicklung, ungleichmäßiger Verschleiß, Verschleiß durch geringe Bremsennutzung sowie die regelmäßige Reinigung und Wartung an Bedeutung. Auch die Emissionen von Bremsen spielen bei Regulierungs- und Nachhaltigkeitsfragen eine immer größere Rolle.

Der Schwerpunkt von Reparaturarbeiten verlagert sich zunehmend auf mechatronische Bauteile: elektrische Bremskraftverstärker, integrierte Bremssteuergeräte, Druckerzeuger, Pedalweg- und Drucksensoren, Raddrehzahlsensoren, Komponenten elektronischer Parkbremsen sowie Diagnose- und Kalibrierungsdienstleistungen. Für IAM-Akteure bedeutet dies einen Wandel von der rein mechanischen Instandhaltung hin zum Umgang mit elektronisch gesteuerten und softwarebasierten Systemen.

 

Auswirkungen auf den IAM:EHB wird den Aftermarket verändern. Dadurch verlagert sich der Schwerpunkt von der reinen Wartung und dem Austausch von Verschleißteilen hin zur Instandhaltung komplexer hydraulisch-mechatronischer Bremssysteme.

3. Zukunft: Bei der elektromechanischen Bremsung (EMB) erfolgt die Erzeugung der Bremskraft direkt am Rad.

Damit stellt das elektromechanische Bremssystem den radikalsten Entwicklungsschritt dar. In einer EMB-Architektur kann der Einsatz von Hydraulikkomponenten und Bremsflüssigkeit deutlich reduziert oder sogar ganz vermieden werden. Die Bremskraft wird unmittelbar am Rad durch By-Wire-Steuergeräte sowie durch Aktuatoren erzeugt, die die Bremskraft direkt an der Scheiben- oder Trommelbremse erzeugen.

Damit wird auch das Bremssystem zu einem integralen Bestandteil des softwaredefinierten Fahrzeugs (SDV). Das Fahrzeug kann die Bremskraft an jedem Rad einzeln und sehr präzise steuern.

 

Bevorstehende Änderungen im IAM:

Das künftige Sortiment wird weniger herkömmliche Hydraulik-Ersatzteile, dafür aber mehr hochwertige Module umfassen: Radaktuatoren, Elektromotoren, Getriebemechanismen, Positionssensoren, Steuerelektronik, Kabel/Anschlussstecker, softwarekompatible Ersatzteile und möglicherweise komplette Eckmodule. Mit dem zunehmenden Verzicht auf Hydraulikkreisläufe mag die Bedeutung von Dienstleistungen im Bereich Betriebsflüssigkeiten zwar abnehmen, doch die Bedeutung von Diagnose, Codierung, Kalibrierung, cybersicherheitskonformem Austausch und Kompatibilitätsmanagement nimmt zu.

 

Auswirkungen auf den IAM:

Mit dem zunehmenden Einsatz von EMB-Systemen sinkt die Bedeutung klassischer Hydraulik-Ersatzteile. Gleichzeitig entsteht jedoch ein neues Premium-Segment für den Austausch elektronischer Aktuatoren sowie für Diagnose- und Serviceleistungen auf Systemebene.

Das IAM-Geschäft im Bereich Bremsen entwickelt sich vom reinen Verkauf mechanischer Ersatzteile hin zu einer umfassenden Systemkompetenz rund um Bremssysteme. Herkömmliche Hydrauliksysteme bilden auch weiterhin den größten Anteil, EHB-Systeme erhöhen die Komplexität in den Bereichen Elektronik und Diagnose, und durch EMB-Systeme wird eine neue Generation von Radaktuatoren und softwaregestützten Servicemöglichkeiten geschaffen.

Bremsen – mehr als nur Teile. HELLA vereint als Komplettanbieter hochwertige Bremsenwartung mit OE- und IAM-Kompetenz in der Bremselektronik, führende und zukunftsorientierte Diagnosekompetenz durch Hella Gutmann sowie eine starke OE-Kompetenz im Bereich elektronisch gesteuerter Bremssysteme (Brake-by-Wire).   Wir verstehen Bremsen nicht nur als Ersatzteilkategorie, sondern als ein sich kontinuierlich weiterentwickelndes, intelligentes Fahrzeugsystem, welches das Reparaturgeschäft von heute mit der Bremstechnologie von morgen verbindet.

 

BREMSENWARTUNG

 HELLA hat als Komplettanbieter für Bremssysteme sämtliche Kernfunktionen des ehemaligen Joint Ventures übernommen, einschließlich der Produktmanagement-Experten mit ihrer langjährigen Erfahrung und Kompetenz und verfügt darüber hinaus über ein umfangreiches Bremssortiment mit bis zu 11.000 Artikelnummern – von Verschleißteilen über Hydraulik bis hin zur Bremsenelektronik. Unsere Produkte stehen für herausragende Technologie, übertreffen die gesetzlichen europäischen IAM-Anforderungen (ECE R90) und bieten eine hohe Marktabdeckung. Dies unterstreicht unseren Premium-Qualitätsanspruch – ganz im Sinne unserer Marke. Denn Sicherheit ist kein Nice-to-have! Sicherheit hat oberste Priorität – ohne Kompromisse. 

 

BREMSENELEKTRONIK
Seit 1995 verfügen wir über umfassende OE-Kompetenz im Bereich der Bremsenelektronik. Den Grundstein dafür legten unsere ersten patentierten Vakuumpumpen für Bremskraftverstärker, die an führende Erstausrüster geliefert wurden. Darüber hinaus steht HELLA für zusätzliche OE-Kompetenz im Bereich der Bremssysteme – insbesondere bei Road Condition Sensoren (RCS-Sensoren). Diese kommunizieren mit Bremssteuergeräten und Fahrerassistenzsystemen und ermöglichen es beispielsweise, Bremswege abhängig von der Fahrbahnnässe vorherzusagen.

Dieses umfassende OE-Know-how in Kombination mit unserer IAM-Kompetenz in der Bremsenelektronik ermöglicht ein breites Produktportfolio: HELLA bietet im IAM bereits seit 1999 zahlreiche Lösungen – von ABS-Sensoren und Anschlusskabeln über Bremsdruckschalter und Warnkontakte bis hin zu Bremslicht- und Bremsbetätigungsschaltern sowie Vakuumpumpen und Drucksensoren für Bremskraftverstärker.

Das macht HELLA zu einem echten Komplettanbieter im Bremsensegment – mit einem Angebot, das weit über das klassische Ersatzteilgeschäft hinausgeht. 

 

DIE ZUKUNFT DER BREMSE

Im Bereich Brake-by-Wire setzte FORVIA HELLA neue Maßstäbe: als weltweit erstes Unternehmen wurde es von einem deutschen Automobilhersteller mit der Serienentwicklung und -produktion eines vollelektrischen Bremspedalsensors beauftragt – ein wichtiger Meilenstein hin zur Ablösung konventioneller, vakuumbasierter Bremssysteme.  FORVIA HELLA hat sein vollelektrisches Bremspedalsystem so entwickelt, dass es besonders leicht und kompakt ist und sich flexibel an verschiedene Fahrsituationen anpassen lässt, um die Sicherheit und den Fahrkomfort zu verbessern (Großauftrag für vollelektrischen Bremspedalsensor | HELLA). Bremspedalsensoren sind für beide Arten von Bremssystemen relevant, sowohl für hochmoderne EHB-Systeme als auch für zukunftsorientierte EMB-Systeme. 

 

Hier wird deutlich, was wegweisendes und zukunftsorientiertes Brake-by-Wire-Know-how von FORVIA HELLA auszeichnet: Das Unternehmen treibt die Entwicklung von EMB-Systemen aktiv voran, bei denen By-Wire-Motor-/Getriebesteuergeräte und Aktuatoren die Bremskraft direkt an der Scheiben- oder Trommelbremse erzeugen. Und das ohne jede Hydraulik – das gesamte Bremssystem wird somit vollständig elektrifiziert und digitalisiert.  

Durch die Integration dieses Vorserien-Prototyps in einen Lotus Evora ist FORVIA HELLA in der Lage, einzelne EMB-Komponenten auf Systemebene zu testen, mit führenden OEMs aus Anwendersicht zusammenzuarbeiten und Probefahrten anzubieten, um die EMB-Technologie von FORVIA HELLA erlebbar zu machen. 

 

BREMSENDIAGNOSE

Das Perfect Match – denn mit dem Übergang zu EMB gewinnt Fahrzeugdiagnosekompetenz zunehmend an Bedeutung.  

Mit Hella Gutmann als Technologieführer in der Fahrzeugdiagnose bleiben Werkstätten für die Mobilität von heute – und morgen – optimal gerüstet. Die aktuell im IAM etablierte, vakuumbasierte Bremssystemtechnologie ermöglicht nur eingeschränkte Diagnosen der verbauten Komponenten (z. B. Bremskraftverstärker, ABS oder Rückstellung elektronischer Parkbremsen (EPB)). Mit der fortschreitenden Elektrifizierung der Bremssysteme – von vakuumbasierten Lösungen über EHB bis hin zu EMB – wird die Bedeutung der Fahrzeugdiagnosekompetenz künftig deutlich zunehmen. 

 

Hella Gutmann verfolgt das Ziel, diese Anforderungen nicht nur heute, sondern auch in Zukunft zu erfüllen – gestützt auf eine wegweisende Technologieausrichtung und umfassende Diagnosekompetenz. Mit der vollständigen Elektrifizierung und Digitalisierung des Bremssystems entstehen dabei vielfältige Ansatzpunkte für eine ganzheitliche Bremssystemdiagnose. 

INTELLIGENTE BREMSSYSTEME FÜR IHREN ERFOLG.