Transformation Hub
18.06.2024
Lean Work: Neue Kostenfreigabegrenzen für Waren und Dienstleistungen
FORVIA HELLA gelingt ein wichtiger und ungewöhnlicher Schlag gegen systematische Produktpiraterie: Gemeinsam mit Bosch und der chinesischen Polizei können die Geschäftsführer eines chinesischen Unternehmens erfolgreich verklagt und Marktanteile von FORVIA HELLA verteidigt werden.
Hat dafür gesorgt, dass ein systematischer Missbrauch von geistigem Eigentum verfolgt wird: das Team der Corporate Patents and Licences von Gregor Behr-Wenning mit Unterstützung der Anwälte von Hansheng
Donnerstag 13.06.2024
Die Geschichte könnte einem Wirtschaftskrimi entstammen, und doch hat sie sich genau so zugetragen. Wir befinden uns in China. Ein Mitarbeiter, zunächst Entwicklungsleiter, später Vertriebsleiter der HELLA Shanghai Electronics Co., Ltd (HSE), entwendet heimlich hoch sensible Dokumente mit detaillierten Produktentwicklungsdaten und -zeichnungen. Überraschend kündigt er im Jahr 2019, nach mehr als zehn Jahren im Unternehmen. Er gründet mit einem ehemaligen Mitarbeiter von Bosch in China eine eigene Firma, HiBo. Wie sich später herausstellen wird: Auch sein Geschäftspartner bringt geheime Produktinformationen in die Firma mit ein – von Bosch. Über ihr Unternehmen verkaufen sie eben jene Produkte, Kopien also von FORVIA HELLA und Bosch Technologien, deren Entwicklungsdaten sie zuvor entwendet haben – zu deutlich günstigeren Preisen. Mit großem Erfolg. Im Laufe der Zeit baut HiBo drei Niederlassungen in China auf. „HiBo ist es so gelungen, uns mit unseren eigenen Produkten in relevantem Umgang Geschäft in Asien abzunehmen“, resümiert Gregor Behr-Wenning, Leiter der FORVIA HELLA Patentabteilung, den Schaden.
Intensive Ermittlungsarbeit führt zu Erfolg – in vielerlei Hinsicht
Doch das Unternehmen und seine beiden Geschäftsführer geraten ins Visier der Patentabteilung. Über ein Jahr erfolgen interne Ermittlungen – in enger Zusammenarbeit mit Bosch und mit Kolleginnen und Kollegen von HSE. „Wir mussten vorsichtig vorgehen, um keine schlafenden Hunde zu wecken, um eventuelle Mitstreiter zu identifizieren und vor allem, um Beweise zu sichern“, berichtet Behr-Wenning mit Blick auf diese entscheidende Phase. Es gelingt Ruoyu Zhou, dem regionalen Leiter der Patentabteilung, eindeutige Beweise zu sichern und vertrauensvolle Beziehungen zu den chinesischen Behörden aufzubauen. Gestützt auf die umfassenden Untersuchungsergebnisse der Patentabteilung nimmt die Polizei schließlich eigene Ermittlungen auf. Sodann der Durchbruch: Ein HiBo-Mitarbeiter gibt Dokumente von FORVIA HELLA heraus und legt ein Geständnis ab. Was folgt: Mehrere Hausdurchsuchungen, Sicherung von Festplatten, polizeiliche Befragungen, Wiederherstellung absichtlich gelöschter Dateien – auch auf Privatgeräten der HiBo-Geschäftsführung. Das Ergebnis der Ermittlungen: HiBo darf die entwendeten Technologien nicht mehr verwenden. Ein Gericht hat in der Zwischenzeit das Urteil gefällt: 3 Jahre Haft auf Bewährung für den ehemaligen FORVIA HELLA Mitarbeiter sowie eine Strafzahlung von 500.000 Renminbi Yuan (umgerechnet 63.375 Euro). HiBo muss ebenfalls noch einmal eine Strafe von mehreren Millionen Yuan, also mehreren hunderttausend Euro zahlen. Und noch ein Erfolg: Es gibt eine Einigung mit den Inhabern von HiBo zur Übertragung von widerrechtlich angemeldeten Patenten auf FORVIA HELLA Technologien. „Dem Einsatz der Polizisten und der sehr guten Zusammenarbeit mit den polizeilichen Behörden ist es zu verdanken, dass wir unsere Rechte und unser Eigentum verteidigen konnten“, so Behr-Wenning. „Darüber hinaus haben wir wichtiges Geschäft mit Kunden zurückerhalten, die uns HiBo mit unseren eigenen Produkten abgenommen hat“, berichtet Gregor Behr-Wenning. So hat dieser Wirtschaftskrimi für FORVIA HELLA in mehrfacher Hinsicht ein Happy End.
Besonders entscheidend jedoch: Für FORVIA HELLA, für die Patentabteilung von Gregor Behr-Wenning ist dieser Ausgang ein Erfolg, der Strahlkraft weit über das Unternehmen hinaus hat. „Wir gehen in China immer wieder gegen exakte Kopien unserer Produkte vor oder setzen unsere Patente ein“, erklärt Behr-Wenning. „Erstmals sind wir jedoch gegen ein lokal gut vernetztes, vorsichtig agierendes Unternehmen vorgegangen, das mit viel krimineller Energie aufgesetzt und betrieben wurde. Dabei spielten verschiedenste Ansätze aus Zivil- und Strafrecht ungewöhnlich komplex zusammen. Dass wir unsere Patente, unser Know-how und Geschäft verteidigen konnten, ist nicht nur für uns ein Riesenerfolg, sondern auch eine wichtige Botschaft für alle in China tätigen europäischen Unternehmen“, so Behr-Wenning weiter. „Wir sind ein hochinnovativer Technologieführer und es gilt, überall auf der Welt unser geistiges Eigentum und damit auch unser Geschäft zu schützen. Hier ist uns nun ein bedeutender Schlag gegen Produktpiraterie in China gelungen. Damit schreiben wir Rechtsgeschichte.“
HSE intensiv an Aufklärung beteiligt
Das Vorgehen dieses ehemaligen FORVIA HELLA-Kollegen hat bei HSE viele erschüttert. Das Interesse an einer sauberen Aufklärung des Falls war daher bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern groß. „Wir haben sehr viel Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen bei HSE erfahren“, betont Gregor Behr-Wenning. Auch wenn es sich um einen Einzelfall handelt: Als eine Konsequenz aus dem Vorfall wurde die HSE-Entwicklungsorganisation umstrukturiert und gezielt Manager eingesetzt, die ein hohes Vertrauen in der Mannschaft genießen. Darüber hinaus ist China nun mit zwei Mitgliedern im Technology Know-how and Security Board, geleitet durch Gregor Behr-Wenning, vertreten, um die Aufgaben des Boards in China effektiver unterstützen zu können. Dabei geht es beispielsweise darum, bei der Gestaltung von Prozessen und Strukturen aus Sicht des Know-How-Schutzes mitzuwirken oder Einzelfragen zum Know-How-Schutz mit besonderer Relevanz in China zu klären. Nicht zuletzt ist es mit Einführung der Microsoft O365 Anwendungen deutlich einfacher geworden, die Historie und Nutzung von Dokumenten nachzuvollziehen. „Die Verteidigung unseres geistigen Eigentums nehmen wir sehr ernst. Denn hier werden Schwächen im System schnell zu einem konkreten Schaden im Wettbewerb“, betont Gregor Behr-Wenning.
Bei allen Maßnahmen ist es Elektronik-Geschäftsführer Jörg Weisgerber wichtig, zu betonen, dass es sich um ein Fehlverhalten einer Person handelt. „Wir können weiterhin vertrauensvoll mit den Kolleginnen und Kollegen bei HSE zusammenarbeiten. Wir sind ein Team, auch wenn wir weltweit an unterschiedlichen Standorten sitzen. Nur gemeinsam sind wir stark, nur gemeinsam können wir unsere Technologieführerschaft weiter ausbauen“, so Weisgerber.