Q3 GJ 2025
07.11.2025
Umsatz und Ergebnis auf Vorjahresniveau
Umwelt-, Gesundheits- und Arbeitsschutz – das klingt erstmal trocken, nach vielen Regeln und Prozessen. Ist es aber nicht, zeigt Stefan Neiske, globaler EHS-Leiter. Mit ihm sprechen wir über Gefahrenquellen, Gesetze und die Frage, ob Sicherheitsexperten ängstlichere Eltern sind.
EHS: Umwelt-, Gesundheits- und Arbeitsschutz bei FORVIA HELLA. Klingt nicht interessant? Dann lohnt sich ein Blick in das Interview mit Stefan Neiske, global für das Thema verantwortlich
Dienstag 28.10.2025
Sicherheit am Arbeitsplatz geht alle an – und häufig steckt mehr dahinter, als man denkt. Stefan Neiske, Environment, Health and Safety (Umwelt, Gesundheit und Arbeitsschutz, kurz EHS) Verantwortlicher bei FORVIA HELLA, gibt Einblicke in die Arbeit seines Teams.
Stefan, mal ehrlich: Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz – brauchen wir das überhaupt? Schließlich produzieren wir keinen Sprengstoff.
(lacht) Das ist tatsächlich noch die Denkweise von manchen! Aber in jedem produzierenden Unternehmen lauern Risiken – für die Gesundheit der Beschäftigten, für die Umwelt. Auch ohne Sprengstoff. Ein Gabelstapler, der einen Fußgänger übersieht, eine laufende Maschine, der Umgang mit einem Gefahrstoff, kann genauso gefährlich sein. Unser oberstes Ziel ist einfach: Alle Mitarbeitenden sollen jeden Tag nach der Arbeit gesund und unversehrt nach Hause gehen. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Deshalb gibt es uns.
Kannst Du von Deinem Schreibtisch in Lippstadt aus denn überhaupt beurteilen, welche Gefahren zum Beispiel im Werk in Mexiko lauern?
Ganz klar: Nein. Daher mache ich das nicht alleine. Wir sind ein etwa 80-köpfiges Team rund um den Globus. Hier in Lippstadt halten wir die Fäden zusammen und entwickeln unternehmensweite Programme. Aber die eigentliche Arbeit passiert vor Ort: Unsere regionalen und lokalen EHS-Verantwortlichen kennen die spezifischen Herausforderungen in ihren Werken, sie sind Ansprechpersonen für die Kolleginnen und Kollegen vor Ort und begleiten die Umsetzung unserer Initiativen. Dabei machen sie einen ganz wichtigen und tollen Job! Mir persönlich helfen meine eigenen praktischen Erfahrungen als Werksmitarbeiter in anderen produzierenden Unternehmen. Daher weiß ich, wie es in der Praxis zugeht und welche Gefahrenquellen typisch sind.
Sprechen wir über diese Gefahrenquellen. Was sind die Klassiker?
Oh, da gibt es einige! Ein konkretes Beispiel: In unseren Werken waren spezielle Wege für Fußgänger nicht klar genug abgetrennt und gekennzeichnet. Die Gefahr, als Fußgänger mit einem der vielen Logistikfahrzeuge zusammenzustoßen, war entsprechend groß. Deshalb haben wir im Rahmen unserer unternehmensweiten Initiative „7 Mandatory Safety Rules" ein Konzept erarbeitet, wie die Wege in allen Werken optimiert werden können: geschützte und klar gekennzeichnete Fußwege und an Kreuzungen Schutzmaßnahmen wie Stoppschilder. Klingt banal, kann aber Leben retten.
Auf dem Reißbrett lassen sich sicher viele gut klingende Sicherheitsprogramme entwickeln. Aber wie erreicht Ihr, dass die nicht versanden, sondern auf operativer Ebene tatsächlich umgesetzt werden?
Wir setzen auf mehrere Dinge: Erstens definieren wir Zielvorgaben und verfolgen eng, ob diese erreicht werden, z.B. auch über das FORVIA Excellence System (FES). Zweitens – und das ist entscheidend – haben wir in den vergangenen Jahren einen echten Kulturwandel erlebt. Umwelt- und Arbeitsschutz gehören inzwischen zum betrieblichen Alltag. Dazu tragen auch Programme wie die „Care Moments“ bei (Anmerkung d. Redaktion: Ein paar Beispiele gibt es unten in unserer Bildergalerie): Unter dem Motto stellen wir seitens EHS täglich neue Sicherheits- und Umweltschutzthemen für Werksmitarbeitende zur Verfügung. Die Team-Verantwortlichen in Produktion und Logistik greifen diese in ihren Meetings vor Schichtbeginn auf. Jeden Tag ein neues Thema – so bleiben wir präsent. Dann gibt es noch „Hazard Hunting": Wer sicherheits- oder umweltrelevante Probleme im eigenen Arbeitsbereich bemerkt, kann diese ganz einfach melden – und zwar über das Tool mLean. Denn jeder kennt seinen eigenen Arbeitsbereich am besten und weiß, wo Probleme auftauchen können.
Kannst Du auch mit harten Zahlen belegen, dass Eure Programme wirken? Oder ist das nur ‚gefühlte Sicherheit‘?
Ganz und gar nicht. Ein Blick in die Statistik zeigt: Die Unfallrate – also die Anzahl der Unfälle im Verhältnis zu den geleisteten Arbeitsstunden – hat sich bei FORVIA HELLA in den vergangenen zwei Jahren halbiert. Das ist eine äußerst erfolgreiche Entwicklung. Auch beim Umweltschutz hat sich viel getan: Wasserentnahme und Abfallmengen sind spürbar gesunken: Durch ein Projekt vom globalen Real Estate Management Team konnten wir die weltweite Wasserentnahme an den Standorten in einem Jahr um etwa neun Prozent reduzieren. Das sind keine weichen Faktoren, das sind messbare Erfolge.
Du sprachst einen Kulturwandel an. Heißt das, früher haben sich die Leute nicht für Sicherheit interessiert und jetzt plötzlich schon?
So schwarz-weiß würde ich das nicht sehen, aber ja: Wir haben in den letzten Jahren einen echten Wandel erlebt. Das liegt zum einen an der zunehmenden Sensibilisierung durch unsere Programme. Zum anderen aber auch daran, dass der Druck von allen Seiten gestiegen ist. In den vergangenen Jahren wurden zum Beispiel die gesetzlichen Nachhaltigkeits- und Umweltschutzstandards deutlich angehoben. Druck macht aber nicht nur der Gesetzgeber – auch die Kunden erwarten hohe EHS-Standards von ihren Lieferanten. Und wir haben das Thema selbst stärker in den Fokus genommen und uns hohe Ziele gesetzt. Wie man sieht: EHS ist ein komplexes Thema, das immer wieder neu beleuchtet werden muss. Deshalb blicken wir kontinuierlich auf aktuelle Entwicklungen, prüfen, wo sich Handlungsbedarf ergibt, und bringen entsprechende Initiativen auf den Weg. Und das Schöne ist: Uns erreichen immer wieder gute Ideen aus der Belegschaft, was man noch besser machen kann.
Wir haben viel über Produktion gesprochen. Kümmert Ihr Euch auch um die Kolleginnen und Kollegen in den Büros?
Ganz klar: EHS ist nicht nur für Produktion und Logistik da. Auch die Mitarbeitenden in den Büros können auf die lokalen EHS-Kollegen zugehen, wenn sie zum Beispiel Hilfe für die ergonomische Einrichtung ihres Arbeitsplatzes benötigen. Durch regelmäßige Begehungen checken die Experten vor Ort außerdem die Arbeitsbereiche, um mögliche Unfallquellen zu eliminieren. Denn auch ein stolpergefährliches Kabel oder ein schlecht eingestellter Bildschirm kann auf Dauer Schaden anrichten.
Zum Schluss noch zwei persönliche Fragen: Warum machst Du das eigentlich? Was treibt Dich dazu, Dich beruflich mit Gefahrenabwehr zu beschäftigen?
Die Themen Umwelt- und Arbeitsschutz liegen mir schon länger am Herzen. Schon bei der Wahl meines Studienfachs – Technischer Umweltschutz – hat mich mein Interesse für die nachhaltige Ausrichtung von Produktionsprozessen geleitet. Für das Thema Arbeitsschutz bin ich seit einer prägenden Erfahrung während meiner Tischlerausbildung sensibilisiert: Damals hatte ich selbst einen Arbeitsunfall, bei dem ich mir die Hand verletzte – glücklicherweise ohne bleibende Schäden. Aber diese Erfahrung hat mich geprägt. In meiner jetzigen Position kann ich mich für meine beiden Herzensthemen engagieren.
Wirkt sich Dein professionelles Sicherheitsdenken eigentlich auf Dein Familienleben aus? Lässt Du Deine Kinder alleine im Wald spielen?
(lacht) So ganz kann ich das wahrscheinlich nicht ablegen, aber na klar, Kinder müssen auch mal Risiken eingehen und ihre eigenen Erfahrungen machen, um selbständig zu werden. Wichtig ist mir da vorher zu erklären und zu vereinbaren, worauf sie achten müssen. Ansonsten setze ich in Sachen Umwelt und Gesundheit privat auf die kleinen Dinge: die Reduzierung des eigenen Energieverbrauchs und die Nutzung von Strom aus erneuerbaren Energien für den Umweltschutz, Sport und regelmäßige Bewegung für die Gesundheit. Damit kann man als Einzelner schon viel erreichen.
Danke für das Gespräch, Stefan.