Personelle Veränderungen
11.09.2023
Neue Geschäftsführerin Personal berufen
Welche Chancen eröffnet der Branchenwandel dem Elektronikgeschäft? Und an welchen Stellhebeln muss der Bereich ansetzen, um weiter erfolgreich zu sein? Elektronik-Geschäftsführer Jörg Weisgerber und Strategiechef Johannes Müller im Interview.
Johannes Müller (links), hat in seiner Rolle als Strategiechef bei HELLA den Elektronik-Prozess begleitet; Jörg Weisgerber (rechts, Bild: Jens Anders) ist seit 1. April als Mitglied der Geschäftsführung verantwortlich für das weltweite Elektronikgeschäft bei HELLA
Donnerstag 14.09.2023
Das folgende Interview ist Teil einer Serie von Intranetartikeln und Videos. Erschienen sind bereits Interviews für HELLA insgesamt und die Business Group Lighting; folgen werden Artikel zu Lifecycle Solutions und Sustainability.
Jörg Weisgerber, was war beim diesjährigen Strategieprozess für den Elektronikbereich aus Ihrer Sicht besonders wichtig?
Jörg Weisgerber: Im Vordergrund standen ganz klar die drei großen Markttrends, die den derzeitigen Branchenwandel entscheidend prägen: Elektrifizierung, automatisiertes Fahren und die grundlegende Neugestaltung der Elektronikarchitekturen im Fahrzeug. Diese Trends spielen uns in die Karten, das haben wir im diesjährigen Strategieprozess erneut gesehen. Für unsere weitere Geschäftsentwicklung sind das nicht die schlechtesten Voraussetzungen.
Johannes Müller, in Ihrer Rolle als Strategiechef bei HELLA haben Sie den Elektronik-Prozess begleitet. Inwiefern unterscheidet sich die strategische Planung für Elektronik von denen der anderen Business Groups?
Johannes Müller: HELLA ist in Summe gut aufgestellt, wir profitieren vom Branchenwandel. Wenn ich für Elektronik einen Schwerpunkt herausheben müsste, dann dass wir noch mehr selektieren und priorisieren müssen. Darauf haben wir im Strategieprozess für Elektronik ein besonderes Augenmerk gelegt.
Wenn Sie den Strategieprozess in wenigen Sätzen zusammenfassen müssten, wie würde Ihr Zwischenfazit aussehen?
Jörg Weisgerber: Wir sind vielversprechend positioniert und haben mit unserem Produktportfolio eine gute Basis. Beispielsweise mit Radarsensoren, mit Energie- und Thermomanagement. Das ist grundsätzlich eine gute Nachricht. Wir müssen aber darauf achten, in einem gesunden Rahmen zu wachsen. Wir können und wollen nicht alles machen, nicht alle Projekte annehmen, für die wir angefragt werden. Bei manchen Produktgruppen und Kundenprojekten müssen wir auch eher einen opportunistischen Ansatz fahren, so wie wir das nennen.
Welche Entwicklungen auf der Markt- oder Wettbewerberseite sind derzeit für Elektronik besonders relevant?
Johannes Müller: Neben den allgemeinen Markttrends ist vor allem ein Aspekt besonders wichtig: das Wachstum und der Aufstieg der chinesischen Automobilhersteller. In 2023 hat BYD in China erstmals mehr Autos verkauft als Volkswagen und ist damit neuer Marktführer. Manche sprechen bereits von einer neuen Ära. Ob das zu hoch gegriffen ist, wird sich herausstellen. Aber wir sollten davon ausgehen, dass sich das Wachstum der chinesischen OEMs weiter beschleunigen wird, sie weiter Marktanteile gewinnen werden. Und das nicht nur in China, sondern wohl auch in den globalen Märkten außerhalb.
Jörg Weisgerber: Das hat im Übrigen nicht nur der Strategieprozess gezeigt, sondern auch die Auto Shanghai im April. Der Markt verändert sich, vor allem die lokalen chinesischen Automobilhersteller legen ein extrem hohes Tempo an den Tag.
Was bedeutet das für HELLA?
Jörg Weisgerber: Wir haben im Elektronikbereich glücklicherweise bereits ein starkes Geschäft mit chinesischen Tier-X-Kunden, zum Beispiel mit Batterieherstellern wie EVE oder Farasis. Trotzdem ist eines klar: Wir müssen noch weitaus stärker werden im Direktgeschäft mit chinesischen Herstellern. Und das geht nur über Geschwindigkeit. Wir sind als klassischer, ingenieursgetriebener Automobilzulieferer nicht schnell genug, zu sehr an technologischen Spezifikationen ausgerichtet, die für den chinesischen Hersteller nicht unbedingt relevant sind, und sind damit letztlich auch zu teuer. Chinesische Hersteller haben da teils vollkommen andere Anforderungen. Wir müssen daher genau schauen, welches organisatorisch Set-up wir lokal finden können, um Kunden vor Ort mit passgenauen Lösungen bedienen zu können.
Johannes Müller: Wir wollen unsere chinesischen Teams deutlich unabhängiger agieren lassen als bisher, wir wollen lokale Standards definieren. Immer basierend auf unserem Technologievorsprung. Wie das genau aussehen könnte, das prüfen wir derzeit im Rahmen eines Pilotprojektes.
Es sind in diesem Gespräch bereits zum wiederholten Male die großen Markttrends angesprochen worden. Lassen Sie uns daher einmal durch diese Themen gehen – beginnend mit automatisiertem Fahren.
Jörg Weisgerber: Das ist für uns im Elektronikgeschäft wohl der größte Wachstumstreiber. Vor allem die die mittleren Automatisierungsstufen, also Level 2 und 3, werden sich in der Breite weiter durchsetzen. Das bedeutet: Es werden künftig mehr Radarsensoren im Fahrzeug verbaut, und sie werden einen höheren Technologiegehalt haben, eine größere Auflösung und Reichweite. Davon profitieren wir.
Wie ist die Strategie bei Elektromobilität, dem zweiten großen Markttrend?
Jörg Weisgerber: Der Trend beschleunigt sich. Das gibt uns große Chancen, wir müssen allerdings auch verstärkt in neue Bereiche investieren. Wir sind bereits stark im Niedrigvolt-Geschäft, wir müssen aber noch mehr in Thermomanagement und in Hochvolt-Elektronik vordringen. Hier haben wir einige sehr vielversprechende Akquiseerfolge verzeichnet, beispielsweise beim Coolant Control Hub oder bei unserem ersten Hochvolt-Spannungswandler. Das sind für uns wichtige Türöffner, um den nächsten Schritt zu gehen.
Sie haben drittens angesprochen, dass sich die Elektronikarchitekturen in einem Fahrzeug grundlegend ändern werden. Was bedeutet das?
Johannes Müller: Heutzutage basieren Elektrik und Elektronik eines Autos, also die E/E-Architektur, meist auf sogenannten Domänen. Das heißt: Steuergeräte sind nach ihrer jeweiligen Funktion gegliedert. Bei den sogenannten Zonalarchitekturen sieht das grundlegend anders aus: Hier werden viele, eventuell sogar alle Funktionen, die derzeit noch von einzelnen Steuergeräten kontrolliert werden, anhand ihrer Lage im Fahrzeug in größeren Steuereinheiten zusammengefasst.
Was folgt daraus?
Jörg Weisgerber: Es entsteht ein neuer Wachstumsmarkt, in dem wir mit unseren Zentralsteuergeräten bereits einen guten Fuß in der Tür haben. Auch wenn Zonalmodule die bisherigen Steuergeräte schrittweise ablösen werden, haben wir mit unserer Erfahrung in der Karosserieelektronik ein gutes Verständnis für zukünftige E/E-Architekturen. Darauf können wir aufbauen. Es gibt hier jedoch auch ein großes Aber.
Welches wäre das?
Jörg Weisgerber: Kundenprojekte für Zonalmodule sind extrem großvolumig, deutlich umfangreicher als das, was wir bislang in unserem Elektronikgeschäft kennen. Das bedeutet eine hohe technologische Komplexität, aber auch sehr große Vorinvestitionen. Da müssen wir sehr sorgfältig schauen, ob wir diese stemmen können. Wir wollen daher sehr genau und selektiv entscheiden, welche Projekte wir angehen und welche nicht. Der Trend hin zu Zonalmodulen ist aber unausweichlich, das wird kommen. Insofern wird es auch gute Geschäftsgelegenheiten für uns in diesem Feld geben.
Eine Frage zum Abschluss: Worauf sollte der Elektronikbereich von HELLA nach vorne heraus ein Augenmerk legen?
Johannes Müller: Der Elektronikbereich muss eine gute Balance finden. Auf der einen Seite haben wir vielversprechende Wachstumsaussichten, viele Produkte, die vom Markt nachgefragt werden. Aber wir müssen selektiv sein in den Feldern, die wir bespielen wollen. Wir sind Technologieführer, das ist Teil unserer DNA. Wir müssen daher profitabel bleiben, um den finanziellen Spielraum für weitere Investitionen aufrecht zu erhalten.
Jörg Weisgerber: Wir wollen wachsen, wir können wachsen. Mir ist es aber ein wichtiges Anliegen, dass dies in den richtigen Bahnen verläuft. Die Marktveränderungen geben uns enormen Rückenwind. Das sollte uns Freude bereiten und keine Wachstumsschmerzen. Das heißt: Wir müssen die Organisation für das Wachstum befähigen. Wir müssen gute Talente für uns gewinnen. Und wir müssen uns wieder mehr auf unsere traditionellen Stärken konzentrieren, auf Technologie und Engineering Services. Hier wollen wir Benchmark sein und bleiben. Und ich bin mir sicher, dass wir das hinbekommen werden.
Vielen Dank für das Gespräch.