Abschiedsinterview
20.06.2022
„Ich werde vor allem die Zusammenarbeit vermissen“
Die Zusammenarbeit von HELLA und Faurecia schreitet unter dem FORVIA Dach weiter voran. Da morgen Day 100 erreicht ist, berichten die Chief Integration Officer Gabriele Herzog (Faurecia) und Jan Hellmich (HELLA) über den Status der Zusammenarbeit.
Die beiden Chief Integration Officer Gabriele Herzog und Jan Hellmich am „We are Forvia Day“ in der Faurecia Zentrale in Nanterre. Im Interview beantworten sie Fragen zum Integrationsprozess
Donnerstag 09.06.2022
Sie sind kürzlich zu Chief Integration Officer (CIO) ernannt worden. Wie lange sind Sie schon für Faurecia bzw. für HELLA tätig? Können Sie uns etwas über Ihre vorherige Rolle erzählen?
Gabriele Herzog: Ich bin seit 2002 bei Faurecia und war in verschiedenen Bereichen der Finanzorganisation in leitender Position tätig. In meiner letzten Rolle als Chief Financial Officer für den Bereich Europe bestand meine Aufgabe vor allem darin, den Global Business Services in Europa ein Gesicht zu geben. Seit 1. April 2022 bin ich nun Chief Integration Officer und freue mich, die Integration von Faurecia und HELLA weiter voranzutreiben.
Jan Hellmich: Ich habe vor sechs Jahren als Geschäftsführer des Corporate Center in Shanghai bei HELLA angefangen. Seit September letzten Jahres bin ich wieder in Deutschland und in Lippstadt für Strategische Projekte und Transformation verantwortlich. Am 1. März 2022 habe ich offiziell die Rolle des Chief Integration Officer bei HELLA übernommen. Ich war aber auch zuvor schon in intensiv in Project ONE involviert.
Was ist Ihre Aufgabe als CIO? Nach Vollzug der Transaktion Ende Januar und der Etablierung der übergreifenden Dachmarke FORVIA ist der Großteil der Arbeit doch eigentlich erledigt?
Herzog: Ganz im Gegenteil, die Arbeit hat gerade erst begonnen. In der ersten Phase haben wir Bereiche identifiziert, in denen wir Synergien bündeln können. Anfangs konnten wir aufgrund kartellrechtlicher Einschränkungen jedoch bestimmte Informationen noch nicht teilen. Dies hat sich mit Day ONE geändert. Wir haben inzwischen erste Maßnahmen implementiert und können nun auch die neue Strategie ausarbeiten und offen kommunizieren. Wir haben die Möglichkeit, etwas Großartiges zu schaffen. Aber es ist noch ein langer Weg, bis die Unternehmen tatsächlich vollumfänglich zusammenarbeiten und die gleiche Sprache sprechen werden.
Hellmich: Dem stimme ich zu. Wir müssen zunächst einmal definieren, wie die Gruppe, die wir schaffen wollen, überhaupt aussehen soll. Wir haben momentan ein Fenster der Möglichkeiten von einigen Monaten, um etwas Großes zu schaffen. Es kommt auf uns alle an, was wir daraus machen. Die Aufgabe von uns, den Chief Integration Officer, ist es, den richtigen Rahmen vorzugeben, um FORVIA einen erfolgreichen Start ins Leben zu ermöglichen.
Die Integration schreitet seit dem ersten Tag in schnellem Tempo voran. Können Sie die Höhepunkte nennen?
Herzog: Ein Highlight, das bereits jeder sehen und nutzen kann, sind die neuen FORVIA E-Mailadressen für alle Mitarbeiter. Zudem kann per Teams unternehmensübergreifend gearbeitet werden, da wir die IT-Landschaft entsprechend angepasst haben. Außerdem werden Faurecia Produkte im Aftermarket unter dem Markennamen HELLA vertrieben und sind so z.B. auch bei großen Online-Händlern zu finden. Derartige Spuren von FORVIA sind inzwischen überall zu finden. Und das sind letztlich nur die offensichtlichen Dinge.
Hellmich: Hinter der Bühne passiert natürlich auch eine Menge, vor allem dort, wo unternehmensübergreifende Teams zusammenkommen. Dies ist besonders in den Bereichen Einkauf, Marketing und Vertrieb der Fall. Gemeinsame Teams von HELLA und Faurecia verhandeln Verträge, gehen gemeinsam zu Kunden oder organisieren gemeinsame Messeauftritte unter dem FORVIA Dach. Ein persönliches Highlight war für mich ein Besuch in Nanterre nach Day ONE. Das FORVIA Logo war dort überall zu sehen und hat mir einen Eindruck gegeben, was wir gemeinsam alles schaffen können.
An Day ONE wurden 10 wichtige Synergieprojekte angekündigt, die in den ersten 100 Tagen der gemeinsamen Gruppe im Mittelpunkt stehen sollten. Wie geht es in dieser Hinsicht voran?
Hellmich: Die Synergieprojekte kommen im Großen und Ganzen gut voran. Unsere Synergiezahlen und -ziele wurden in den letzten Monaten mehrfach auf verschiedene Arten verifiziert und sie sind nach wie vor absolut realistisch. Auf Basis dieser Zahlen haben wir nun konkretere Ziele definiert. Manche fragen sich vielleicht, warum man noch keine Erfolge in den aktuellen Zahlen sieht. Das liegt unter anderem daran, dass wir uns ein langfristiges Synergieziel bis 2025 gesetzt haben. Natürlich gibt es auch Zwischenziele zum Beispiel für 2022, aber die wichtigsten Ziele bewegen sich in Größenordnungen von mehreren Jahren. Wir müssen da langsam und sorgfältig vorgehen. Bei einigen Workstreams sehen wir aber schon jetzt unmittelbare Erfolge, insbesondere im Einkauf.
Herzog: Man darf natürlich auch nicht den Fehler machen, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. So müssen zunächst konkrete Key Performance Indicator festgelegt werden, anhand derer man anschließend die Zahlen in Relation setzt. Stimmen die Zahlen nicht mit den Erwartungen überein, gilt es die Ursachen zu ermitteln und entsprechend gegenzusteuern. Und dies sehen wir auch bereits in den Workstreams: Es geht voran, wir ermitteln Verbesserungsbedarfe und justieren nach. Die erzielten Erfolge werden sich aber erst in einigen Monaten deutlicher in den Zahlen widerspiegeln. Solche Zahlen und Prozesse zu definieren, kostet einfach Zeit und ist nicht von heute auf morgen erledigt.
Was sind die nächsten Schritte?
Herzog: Die nächsten Schritte bestehen darin, die Reise fortzusetzen und Synergien konkret zu implementieren. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Auf der IT-Seite hat HELLA schon vor einiger Zeit beschlossen, SAP S/4 HANA zu implementieren. In einer gemeinsamen Konzeptphase werden Faurecia und HELLA nun die zukünftige S4 HANA-Landschaft für das Automobilgeschäft definieren. Wir dürfen auch nicht außer Acht lassen, dass wir in unruhigen Zeiten leben. Es gibt zahlreiche disruptive Ereignisse sowie rechtliche Vorgaben, die wir beachten müssen und die neben den Integrationsmaßnahmen zusätzliche Ressourcen benötigen. Deshalb müssen wir besonders darauf achten, die Ressourcen, die wir haben, gut einzusetzen und dafür zu sorgen, die Teams nicht vor unerfüllbare Aufgaben zu stellen. Auch wenn wir hier und da gerne noch schneller wären, müssen wir mit Augenmaß vorgehen.
Hellmich: Wir dürfen auch nicht vergessen, welch großes Potential sich für uns durch die Zusammenarbeit eröffnet. Vor allem in solch herausfordernden Zeiten wie diesen mit Pandemie, Bauteilmangel und Krieg in der Ukraine bietet ein Verbund in der Größenordnung wie FORVIA zusätzliche Sicherheit. Je schneller wir die Möglichkeiten nutzen können, umso besser können wir unter dem FORVIA Dach effizient zusammenzuarbeiten.
Sie leiten Projektteams, in denen FORVIANER aus beiden Unternehmen vertreten sind - was fällt Ihnen dabei am meisten auf?
Hellmich: Ehrlich gesagt, hatte ich nicht erwartet, wie kompatibel unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tatsächlich sind. Obwohl unsere Teams unterschiedliche Muttersprachen sprechen, sprechen sie doch dieselbe Sprache, wenn es um Inhalte geht. Das ist wirklich faszinierend. In der Form hatte ich das nicht erwartet. Was die Unternehmenskultur angeht, gibt es natürlich auch Unterschiede. So stimme ich Patrick Koller absolut zu, wenn er sagt, dass HELLA eine Schreibkultur hat, Faurecia jedoch eine Sprechkultur. Bei HELLA schreiben wir wirklich viel, wir verwenden Nummern und viele Abkürzungen. Bei Faurecia ist das ganz anders. Und hier kann ich wieder Patrick Koller zitieren: „Die Wahrheit oder das Optimum liegt irgendwo in der Mitte.“ Nun haben wir gemeinsam die Möglichkeit, das neue Optimum für FORVIA zu definieren.
Herzog: Ja, das sehe ich genauso. HELLA geht in der Regel sehr strukturiert und geoordnet, aber zentralisiert an Themen heran, wohingegen Faurecia Aufgaben und Verantwortung delegiert. Auf Arbeitsebene bin ich von der Offenheit der Menschen beider Unternehmen überrascht. Probleme werden direkt angesprochen und das ist bei den Aufgaben, die uns noch erwarten, konstruktiv und gut.
Ein abschließendes Wort?
Hellmich: Ich freue mich darauf, den weiteren Prozess intensiv zu begleiten. Wir haben nun die einmalige Möglichkeit, etwas Neues zu schaffen, das auf das Beste aus beiden Welten zurückgreift. Ich denke, ich spreche für beide von uns, wenn ich jeden Einzelnen bitte, uns zu unterstützen und seinen oder ihren Teil beizutragen. Seien Sie offen und sprechen Sie mit uns. Wir freuen uns sehr über all Ihre Unterstützung.