Elektronik
11.12.2025
Erster Großauftrag für hochauflösende Radarsensoren
Mit iConF verabschiedet sich FORVIA HELLA von herkömmlichen Schmelzsicherungen im Auto und setzt auf intelligente, softwaregesteuerte Lösungen. Klingt komplex? Dr. Christopher Lankeit und Daniel Klimeck bringen Licht ins Dunkel!
Interview mit Dr. Christopher Lankeit und Daniel Klimeck
Donnerstag 04.12.2025
Zum Gespräch bringen Dr. Christopher Lankeit und Daniel Klimeck ein kleines elektronisches Setzteil mit, kleiner als ein Centstück und doch die Zukunft der Karosserieelektronik. Es handelt sich um die intelligent, configurable electronic fuse von FORVIA HELLA, kurz: iConF*. Lankeit (Global Feature Owner) und Klimeck (Head of Hardware Foundation Body Control) sind seit vielen Jahren maßgeblich an der Entwicklung von iConF beteiligt, die 2028 für einen deutschen Premiumhersteller erstmalig in Serie gehen wird. Im Interview sprechen sie über neue E/E-Architekturen*, Chancen und Herausforderungen und warum sie iConF als Gamechanger sehen.
Begriffe, die mit einem „*“ gekennzeichnet sind, werden im anschließenden Glossar näher erläutert.
Stellt euch vor, ihr würdet iConF in wenigen Sätzen und möglichst einfach eurem Kind oder eurer Mutter beschreiben. Wie würdet ihr das machen?
Lankeit: iConF ist eine elektronische Sicherung mit einem eigenen Computerchip sowie eigener Software. Zugegeben: Das klingt erstmal nicht ganz leicht verständlich. Man kann sich das vielleicht so vorstellen: Die gute alte Schmelzsicherung bekommt ein digitales Upgrade – das ist iConF. In anderen Worten: Sicherungen, so wie wir sie heute im Fahrzeug oder auch in Häusern haben, sind relativ einfach. Um Überlastungen oder einen Kurzschluss und damit weiteren Schaden zu verhindern, lösen sie raus und das Licht geht aus. Das können sich moderne Autos, die hochvernetzt und automatisiert fahren, nicht mehr leisten. Es braucht mehr Intelligenz, und genau diese Intelligenz bringt iConF.
Wie genau macht sie das?
Klimeck: Statt einfach nur durchzubrennen, wenn’s gefährlich wird, denkt iConF mit: Es erkennt Probleme sofort, schaltet gezielt Stromkreise ab oder wieder an und sorgt so für eine sichere und zuverlässige Stromversorgung im Fahrzeug. Das alles passiert blitzschnell und flexibel per Software. Während klassische Sicherungen einfach auslösen und durchbrennen, bleibt das Auto mit iConF weiterhin steuerbar und fahrbereit – und die wichtigen Funktionen wie Bremsen, Lenken und Fahrerassistenzsyssteme bleiben funktionstüchtig. Das ist ein echter Gamechanger für die Sicherheit im Auto.
Was macht iConF im Vergleich zu herkömmlichen Lösungen einzigartig?
Klimeck: Wir haben mit iConF eine Komplettlösung geschaffen. Die drei zuvor genannten Elemente, die Christopher genannt hat, die Sicherung an sich, der ASIC*, also der Chip und die Software kommen bei uns aus einer Hand. Das macht die Integration in verschiedenste Fahrzeugarchitekturen viel einfacher – und spart eine Menge Zeit und Kosten. Der große Vorteil ist einfach: iConF ist skalierbar und flexibel. Das heißt: Wir können iConF als komplettes Feature in komplexen Steuergeräten wie dem iPDM oder unseren Zone Controllern liefern oder als eigenständiges Setzteil. Je nachdem, wie Hersteller ihre E/E-Architekturen künftig gestalten.
Zu iPDM und Zone Controllern werden wir später noch kommen. Zunächst eine Zwischenfrage an dieser Stelle: In Zukunft werden Autos elektrifiziert, hochvernetzt und – zumindest in bestimmten Bereichen – vollkommen selbstständig fahren. Was bedeutet das für die Art, wie die Karosserieelektronik künftig gestaltet wird?
Lankeit: Sie wird grundlegend anders ausgelegt. Kurz gesagt: Künftige E/E-Architekturen werden einer zonalen Logik folgen. Das bedeutet: Wir werden künftig statt über 100 sogenannter ECUs, also einzelner Steuergeräte, eine weitaus geringere Zahl an Steuergeräten haben, die dann aber weitaus intelligenter sind. Diese Steuergeräte sind in Zonen unterteilt, also zum Beispiel vorne links, hinten rechts und so weiter. In diesen Zonen werden die Funktionen, die bislang von einzelnen Steuergeräten übernommen wurden, dann zusammengefasst.
Klimeck: Mit zonalen Architekturen* wird die Energieverteilung im Auto viel schlanker. Weniger Kabel, weniger Gewicht – das macht das Auto nicht nur leichter und nachhaltiger, sondern auch flexibler für neue Funktionen. Und das wiederum spart Kosten und beschleunigt die Entwicklung. Gerade in Zeiten, in denen sich der Markt ständig wandelt, ist das ein echter Vorteil.
Was sind aktuell die größten technologischen Herausforderungen solcher neuer E/E-Fahrzeugarchitekturen?
Klimeck: Definitiv die Komplexität! Ganz einfach gesagt: Autos werden immer mehr zu rollenden Computern, alles ist vernetzt, überall steckt Software drin. Das stellt riesige Anforderungen an die Energieversorgung.
Lankeit: Zusätzlich kommen neue OEMs ins Spiel, die sehr schnell adaptieren. Traditionelle OEMs haben ihre Legacy-Komponenten, die sich in der Vergangenheit bewährt haben und für die wir nun ebenfalls Lösungen benötigen. Und genau dort kommt iConF ins Spiel: Unsere First-to-market-Lösung sorgt dafür, dass alle wichtigen Systeme immer sicher mit Energie versorgt werden – selbst wenn irgendwo ein Fehler auftritt. Das Auto bleibt grundsätzlich immer steuerbar und fahrbereit. Vielleicht mit langsamerer Geschwindigkeit und ohne Sitzheizung. Aber fahren wird man weiterhin können, mindestens bis zur nächsten Werkstatt.
iPDM, Zone Controller, dann noch iConF – das alles sind neue Produkte für FORVIA HELLA. Lasst uns das einmal gemeinsam sortieren.
Lankeit: In der Tat: Mit iPDM, Zone Controller und iConF haben wir einige neue Produkte. Sie beruhen jedoch auf unserer jahrzehntelangen Erfahrung – technologisch wie serienmäßig. Das ist vor allem deshalb relevant, weil sich die E/E-Architekturen im Fahrzeugbereich gerade grundlegend verändern.
Klimeck: Auch auf die Gefahr hin, dass ich etwas zu sehr vereinfache: Stellt euch das Auto wie einen menschlichen Körper vor: Der Zone Controller funktioniert wie das Rückenmark – es erhält Informationen, verarbeitet und leitet diese weiter. Damit steuert der Zone Controller sozusagen Arme und Beine, beim Auto also elektrische Verbraucher wie die Aktuatoren für Fenster, Lichtfunktionen oder Scheibenwischer. Das iPDM wiederum ist das Herz – es sorgt für eine zuverlässige Energieversorgung aller wichtigen Systeme. Es erkennt, wo im Auto zu welcher Zeit wie viel Strom benötigt wird – was vor allem in kritische Situationen wichtig ist. Denn dann steuert das iPDM, welche Funktionen noch Strom benötigen und welche von der Stromversorgung abgekappt werden können. Die elektronische Sicherung iConF sind sozusagen Synapsen, also die Verbindungsstellen für die Informationsübertragung – sie reagieren blitzschnell auf Gefahren wie einen Kurzschluss und schützen so das Gesamtsystem.
Welche Rolle spielt die intelligente Steuerungssoftware von iConF für Sicherheit und Zuverlässigkeit, insbesondere bei autonomen und softwaredefinierten Fahrzeugen?
Lankeit: Unterm Strich ist die Software das Schlüsselelement. Sie sorgt dafür, dass sicherheitskritische Systeme wie die Lenkung jederzeit zuverlässig mit Energie versorgt werden. Unwichtige Verbraucher dagegen können im Fehlerfall blitzschnell abgeschaltet werden – und das sogar während der Fahrt, per Over-the-Air-Update. Gerade bei autonomen Fahrzeugen, wo sich die Anforderungen ständig ändern, ist diese Flexibilität entscheidend. iConF sorgt dafür, dass das Auto immer auf dem neuesten Stand und maximal sicher bleibt.
Welche technologischen Entwicklungen erwartet ihr für die Zukunft der EE-Architekturen?
Klimeck: Ein spannendes Feld ist die Nutzung von Daten – etwa für vorausschauende Wartung oder Flottenoptimierung. Mit iConF können wir erstmals wirklich alle Ströme und Spannungen im Auto erfassen und auswerten. Das eröffnet völlig neue Möglichkeiten der Diagnose! Probleme lassen sich frühzeitig erkennen, ganze Fahrzeugflotten können effizienter betrieben werden. Und iConF findet inzwischen auch in anderen Bereichen wie der Batterieelektronik Anwendung – da steckt noch enorm viel Potenzial drin.
GLOSSAR
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